Aussetzen

Nach der Rückkehr aus einem portugiesischen Pferdetraum ins staubtrockene, knallsonnige Berlin erfasst mich tiefe, unglaubliche Müdigkeit. Meine alte, doofe, empfindliche Seele, sage ich mir und mache weiter. Am gewittrigen Donnerstag schaffe ich es zwar noch die Treppe zur U-Bahn hinunter, aber nach der Fahrt kaum noch hinauf. Vielleicht 30 Stufen, dafür ein Keuchen, wie ich es noch nie erlebt habe, der Versuch, Luft zu bekommen, kurze Schwärze im Kopf. Dann geht es wieder. Ich mache weiter. Im Konzertsaal wird mir schwindelig. Ich mache noch drei Tage weiter.

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Dass ich kaum schneller als Museumsschrittgeschwindigkeit laufen kann, ohne dass mir die Puste ausgeht, das kann doch nicht von der alten Seele kommen? Beim Einschlafen am Samstag überkommt mich der vollkommen nüchtern-sachliche Gedanke, dass ich wohl am nächsten Morgen nicht mehr aufwachen werde.

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Am Sonntag wird mein Mann am Telefon ernst. Dass er versucht, das Wunder zu vollbringen, übers Telefon eine schon halb panische Person dazu zu bringen, sich in die Notaufnahme zu bewegen, ohne dabei diese Person vollkommen panisch werden zu lassen, das geht mir erst später auf.

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Auch, dass er mir gerade das Leben rettet.

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Ich bin in dem Moment auf zwei Gedanken reduziert: Taxi rufen, Bundeswehrkrankenhaus. Im Taxi erfahre ich, dass alles wegen eines Radrennens abgesperrt ist und damit auch der Weg zum Krankenhaus. Der Taxifahrer redet laut und viel und hört nicht zu. Jetzt nur noch ein Gedanke: Bundeswehrkrankenhaus, Bundeswehrkrankenhaus, Bundeswehrkrankenhaus. Ich lasse mich an der U-Bahn absetzen. Der Weg von der Schwartzkopffstraße zum Eingang der Notaufnahme verhält sich wie das real gewordene Paradoxon von Achill und der Schildkröte. Mein Gesichtsfeld verengt sich auf den jeweils als nächstes zu setzenden Schritt. Fünf Meter vor dem Eingang ist mir nicht klar, wie ich das noch schaffen soll. Dann Anmeldung. Ich warte keine fünf Minuten.

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Auffälligkeiten im EKG, erhöhter Thrombosewert im Blut, vier aufgeregte Ärzte um mein Bett, Schock, Tränen, CT, Lungenarterienembolie in beiden Lungenflügeln, Tränen, mein mich tröstender Mann, viele mich beruhigende Ärzte, eine Schwester wischt mir die Tränen ab. Während rechts durch den peripheren Venenkatheter Heparin in mich hinein läuft, versucht sich der Anästhesist am linken Arm an einem Arterienkatheter, der dann aber falsch sitzt. Katheter wieder raus, Druckverband, noch mehr Tränen, Überwachungsstation, dort weitere Katheterversuche. Es folgen Nächte, die aus Piepgeräuschen, Sauerstoffblubbern, Schläuchen, Blutabnehmen bestehen, und Tage, an denen die freundlichsten Schwestern und Pfleger, die ich je traf, mich abzulenken und aufzuheitern versuchen. Und viele Untersuchungen.

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Nach der Übersiedlung auf die normale Station träume ich nachts, dass mir Schläuche aus den Armen wachsen, die ich hilflos der Nachtschwester entgegenstrecke. Es gelingt mir nicht zu reden, um zu sagen, was ich will. Ich wache vom Licht auf, was beim nächtlichen Kontrollgang durch die Tür fällt. Bei jeder Verabschiedung von Ärzten und Schwestern bei der Entlassung steigen mir Tränen der Dankbarkeit über die Rettung in die Augen.

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Eine Zäsur, die ein Vorher und ein Nachher hat. Ein Einschnitt, den der Körper einfach so hinnimmt, indem er, im Moment noch etwas ruckelig, einfach weitermacht; den das Denken aber nicht verdaut. Was tun damit, dass es so knapp war? Wohin mit den neuen Farben, dem verrutschten Bewertungssystem, der neuen alten Welt?

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Tiere

Eines der Vorurteile über die Welt und die Menschen, zu denen ich neige, ist, dass sich die Welt in zwei Sorten Menschen teilen lässt: die Sorte, die ein Zusammenleben mit Heim-, Haus- und Hoftieren angenehm findet oder zumindest natürlich oder sogar notwendig für ein vollständiges Leben, und die, die genau das entweder nicht braucht oder nicht versteht. Manchmal ist es noch nicht einmal möglich, ein gegenseitiges Verständnis für die Position des jeweils anderen zu erreichen. Denn natürlich hat in gewissem Sinne der Anti-Tier-Mensch Recht, wenn er fragt, wozu der Hamster in der Wohnung gut und ob es überhaupt zum Wohle des Hamsters sei. Da kommt der Tierbesitzer in Erklärungsnot und kann kaum verständlich machen, warum er das Tier braucht und wie er weiß, dass es ihm gut geht. Denn da ist eine Kluft des Gefühls.

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Vor langer Zeit besuchte ich ein philosophisches Seminar zum Thema, in welchem Maße und wie es denn möglich sei, Tieren Geist, Bewusstsein oder planende Vernunft zuzuschreiben, und auch, wie und ob es überhaupt möglich sei, mit Tieren zu kommunizieren und sich zu verständigen. Ist es eine Illusion, wenn man glaubt zu verstehen, was die Katze will? Ist es eine Illusion, sich vom Tier verstanden zu fühlen? Alles ist fraglich, wenn man nur auf die richtige Weise fragt. Und wie bei allen philosophischen Problemen wird mit einem Mal etwas in Frage gestellt, was für jeden Tierbesitzer mit einem Funken Sensibilität vollkommen klar ist: nämlich das Level der Intelligenz von und der Kommunikation mit dem Tier.

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Der Mensch ist ein Tier.

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Meine Katzen verstarben vor über einem Jahr und mich begleitet in meinem Alltag in Berlin täglich die unbestimmte Sehnsucht nach dem Zusammenleben mit den Tieren. Wenn ich dann endlich wieder bei einer Katze, einem Hund oder einem Pferd sein darf, wird es immer ganz klar, dass ein vollständiges Lebensglück ganz ohne Tiere für mich nicht möglich ist. Aber warum? Entgegen aller philosophischen Skepsis ist es die ureigene nicht-verbale Kommunikation. Ich bin ein Wort-Mensch; ich bin ein Mensch, der sogar während des Sprechens noch über jedes Wort nachdenkt (Ist es wirklich das passende? Meinte ich genau das, was ich sage? Was richte ich mit dem Satz an? Warum kann ich es nicht ungesagt machen? ...), und das ist zwar schön, aber auch anstrengend. Zusammensein mit Tieren bedeutet, Ferien vom Wort, Ferien von den verbalen sozialen Anstrengungen des Alltags zu haben, ohne dass Verstehen und Verstandenwerden fehlen würden. Und natürlich nicht nur das.

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Ruhe, Ritual, Verbundenheit, Natur, Vertrauen, Einfachheit, Kümmern, Dreck, Freude, Übermut, Unabhängigkeit, Zurückgezogenheit, Wärme, Körper, Klarheit, Dankbarkeit.

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Verbindungen

Draußen war die Berliner Dunkelheit, drinnen saß ich der besten Freundin meiner vor fast vier Jahren verstorbenen Mutter gegenüber. Sie brachte sie mir an diesem Abend etwas zurück, machte mir wieder deutlich, wie meine Mutter war, wer meine Mutter war. Und führte mir die Traurigkeit vor Augen, die darin liegt, seinen eigenen 65. Geburtstag mit einer Feier zu begehen, auf der die Person fehlt, die einem knapp 40 Jahre davon die beste Freundin war.

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"Wo liegt deine Heimat?", fragt sie mich.

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Man ist ein Geschöpf aus vielen Fäden, Bruchstücken, Knoten. Man ist das vorläufige Ende einer Reihe, eines Knäuels aus Verwandten und Vorfahren. Und es sind nicht nur die körperlichen Merkmale, die sich dann überraschend und manchmal unverhofft von einem weit entfernten Familienmitglied in einem selbst zeigen. Manchmal kann ich diese Reihung und die Ketten an Eigenschaften, Interessen, Süchten, Lieben und Eigenheiten väterlicher- und mütterlicherseits fast schon schwer und sehr bildlich spüren. Ich kann genau sehen, warum ich so bin und so und so und so. Vater (Oma, Opa, Onkel, Tante, erste Generation, zweite usw.), Mutter (Omi, Opi, Tanten, Onkels, Ur-ur-ur-ur). "Aber wo liegt deine Heimat?", fragte sie mich.

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Ich werde nach Hause ziehen.

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Carl Christian Ernst Sachse, geb. 31. August 1779, gest. 25. Januar 1825. Er veröffentlichte drei Bücher: Versuch eines Lehrbuchs der griechischen und römischen Literaturgeschichte und classischen Literatur zunächst für Gymnasien bearbeitet, Halle 1810; Versuch einer kurzgefassten historisch-topographischen Beschreibung der Stadt Rom von ihrer Erbauung an bis auf Constantin den Grossen, Hannover 1810; Geschichte und Beschreibung der alten Stadt Rom, ein historisch-topographisches Handbuch zu Förderung eines gründlichen Studii der römischen Schriftsteller (Freunden des classischen Alterthums gewidmet), 2 Teile, Hannover 1824/28.

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Johann August Eberhard, geb. 31. August 1739, gest. 06. Januar 1809. Er stritt mit Gottholt Ephraim Lessing und Immanuel Kant. Er kritisierte die Dogmen der orthodoxen Theologie, verteidigte Johann Gottlieb Fichte und unterrichtete Friedrich Schleiermacher. Neue Apologie des Sokrates oder Untersuchung der Lehre von der Seeligkeit der Heiden, Berlin 1776–78; Allgemeine Theorie des Denkens und Empfindens, Nachdr. d. Ausg. Berlin, Voss, 1776;  Allgemeine Geschichte der Philosophie, Berlin 1788, 2. Aufl. 1796; Synonymisches Handwörterbuch der deutschen Sprache für alle, die sich in dieser Sprache richtig ausdrücken wollen. Nebst einer ausführlichen Anweisung zum nützlichen Gebrauche desselben, Halle 1802. (Foto von hier.)

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Ein neuer Faden. Ein neues Warum.

Weg

Der alte CX fuhr uns brav durch ein kältestarres Brandenburg bis an den Ruppiner See. Immer wenn man nach einer Fahrt aus ihm aussteigt, kommt man nicht umhin, ihn wieder aufs Neue zu bewundern. Elegant und lieb. Zum Glück konnten wir ihn durch unser Hotelfenster sehen. Nachts wurden es -12 °C.

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Lange Unterhosen, dicke Socken, dicke Schuhe, Mütze und Kapuze. Eis auf dem See. Sonne auf dem Eis. Wir waren die einzigen Gäste im Seerestaurant. Wir hatten die Sauna für uns allein. Abends gab es Schnitzel, Kaninchen, Duckstein, Klosterkräuter. Wir gingen um zehn ins Bett und schliefen elf Stunden. Glücklicher kann man nicht sein.

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Eine Woche später überquerten wir die polnische Grenze. Auf einem Verkehrsschild wurde zur Vorsicht aufgrund von Pferdefuhrwerken gemahnt. Häuser in allen Stadien des Aufbaus und der Verrottung. Straßen in allen Stadien des Aufbaus oder der Verrottung. Im Hotel dann Kamin, Fußbodenheizung, Pool und feinstes Essen.

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Wie das Eis sich am Rand der Ostsee entlang staute und schlängelte wie die längste Tortenzuckergussverzierung der Welt. Jeder Wellenbrecher einzeln in Zuckerguss getaucht. Gleißend in der Wintersonne. Das Rauschen des Meeres nimmt das Tempo aus dem Tag. Die guten Mahlzeiten und der Wodka am Abend allerdings auch.

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Das Glück des Wegseins.

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Reden

Haben wir acht Matratzen oder sieben? Hast du das Gästezimmer schon mitgezählt? Wir müssen auch irgendwo schlafen! Was ist eigentlich mit Bettzeug? Bekommen wir ein Zelt vom Wasserskiverein? Wir können in unserm Bus übernachten. Aber nur, wen wir den nicht nachts als Shuttle zum Hotel nehmen. Wollt ihr wirklich in die Scheune? Brauchen wir für draußen noch einen Kühlschrank? Die Wurst hole ich von Gröninger. Aber nicht das Fleisch. Das ist besser bei dem andern.

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Kennst du irgendeinen, der für uns grillen würde? Für die Cocktails versuchen wir, Svenja aus unserer Bar zu bekommen. Irgendwo hatten wir doch noch eine Lampenkette. Und was ist mit einem Klo? Wir sollten besser ein Dixi-Klo aufstellen. Oder zwei? Die haben ein sehr kleines Kind, die sollten besser hier im Haus schlafen. Die Hühner müssen an dem Tag im Stall bleiben. Wenn wir eine Hüpfburg im Garten aufstellen, dann zieht das die Feier so auseinander. Eine HÜPFBURG?!? Wie viele Tage im Voraus muss man denn beim Bäcker solche Mengen an Brötchen und Brot vorbestellen?

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Wir müssen auch Gläser liefern lassen! Das Kaffee-und-Kuchen-Thema übernehme ich. Ich schlafe einfach auf der Isomatte. Was ist denn, wenn es regnet? Den Wein müssen wir aber woanders bestellen. Und wo übernachtet Tante Barbara? Wir brauchen unbedingt noch was Vegetarisches auf dem Grill. Macht der Fleischer auch die Salate? Am Tollsten wäre ja noch eine Nebelmaschine. Tischdecken müssen wir nicht bestellen. Die Leute, die zelten, können da hinten an der Straße parken. Hoffentlich kommt kein Huhn zu Schaden. Ach, das wird bestimmt schön.

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Vorwärts

Meine Zählung für dieses Jahr endet im September. Da beginnt mein neues Jahr. Oder auch Jahrzehnt. Oder auch Zeitalter. Das Jahr null. Ab da wird es v. U. (vor Umzug) und n. U. (nach Umzug) heißen. Und weil darum dieses Jahr nur neun Monate hat, beginnt für mich jetzt schon das, was man sonst so ab Mai erlebt: Die Wochen vergehen immer schneller und schneller. Das Jahreskarussell fährt langsam und stockend an, bekommt Geschwindigkeit, rast, ein kurzes Wusch, und schon ist alles wieder vorbei.

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Es gibt sehr viel zu tun.

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Und doch saßen wir, die Frau meines Cousins - Freundin, Unterstützerin, Komplizin - und ich gerade noch in der Bar, an einem dieser Abende, die dahinzuschweben und nicht zu enden scheinen. Um uns herum tobte eine Geburtstagsfeier. Alle Gäste glitzerten in mit goldenen Pailletten besetzter Kleidung vor sich hin. Laute Musik, laute Gespräche, die Drinks wurden mit jedem weiteren besser und über uns prangte eine große goldene 2018. Genau.

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Und nun stehe ich auf Abdeckfolie, in farbüberkleckster Kleidung schwer atmend in meinem kleinen Flur in Berlin. Der Teleskopstiel ist gerade auseinandergebrochen. Es ist schon Nachmittag und an drei Wänden fehlt immer noch die neue weiße Farbe. Ich fluche und bin glücklich zugleich. Der Plan ist, alle Zimmer vor dem Umzug selbst zu streichen und vor dem Streichen noch zu entrümpeln. Ein geradezu hybrischer Plan.

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An unserem neuen Wohnort wird im Sommer auf dem Hof und in der Scheune ein Fest stattfinden, von uns gegeben zur Feier einer vergangenen Hochzeit. 50 bis 80 Menschen werden kommen. Kaffee, Kuchen, Grillen, Getränke, Musik, Hüpfburg. Ein geradezu hybrischer Plan.

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Aufnehmen

Man braucht überhaupt nicht darüber zu diskutieren: Es ist möglich, sich nicht nur in Menschen, sondern auch in Gegenstände zu vergucken. Dass diese einem keine Gefühle von ihrer Seite aus schenken können, spielt dafür keine Rolle. Bei Menschen, in die man sich verguckt, ist es ja auch manchmal so. Und außerdem kommt es einem bei manchen Gegenständen eben doch so vor, als gäben sie einem etwas zurück.

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Über Nacht wusste ich, es musste analog sein, auch wenn ich nichts vom Fotografieren verstehe. Und es musste eine Nikon sein. Ich habe mein Leben lang nur Canon benutzt. 

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Ein Film pro Woche. Zwischendurch erfasst mich die Sorge, dass es einfach nur Nostalgie oder die unbestimmte Sehnsucht nach einer glücklichen Kindheit ist, aber die Ergebnisse geben mir dennoch recht. Ich fotografiere auf einmal klarer, im wahrsten Sinne des Wortes fokussierter. Ich brauche lange für jedes einzelne Bild: Verschlusszeit, Blende, Verschlusszeit, Scharfstellen, den Ausschnitt aus der Realität suchen. Die Unruhe, was jemand denken könnte, wenn ich mitten im Bahnhof Dinge fotografiere, ist verschwunden. Ich versinke einfach in den Tätigkeiten.

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Ich liebe das Geräusch des Filmtransporthebels. Er setzt den Anfang fest, er leitet die Konzentration ein. Am Ende dann das kurze metallische Klicken des Auslösers. Schon sein Geräusch macht deutlich, dass man sich jetzt erholen kann. Das Wichtige ist schon passiert, man hat seine Arbeit schon getan. Der letzte Schritt ist nun leicht. Klack. An meiner digitalen Spiegelreflex bekommt der Auslöser das Gewicht. Er fühlt sich schon schwer an. Der auslösende Finger ist angespannt, denn der Druck darf nicht zu leicht sein, nicht zu schwer, man darf nicht zu langsam sein, aber auch nicht zu schnell. In diesem Knopf steckt alles. Jetzt dagegen: Leichtigkeit.

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Und überhaupt: Vorfreude auf jeden einzelnen Film.

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Zwischenspiel

Wie kommt es, dass das Leben - im Sinne der verbrachten Lebenszeit - sich dann mit einem Mal schon so lang anfühlen kann und Erinnerungen an die Schulzeit oder die anfängliche Studienzeit so weit weg, fast als gehörten sie zu einem anderen Menschen, aber nicht zu mir? Die rein auf Erden verbrachten Jahre können es nicht sein, denn noch bis vor wenigen Jahren oder sogar Monaten ging es mir keineswegs so, dass sich die Rückschau wie eine ewig lange Reise anfühlt. Das Gefühl des Älterwerdens muss demnach an etwas anderem hängen und mich beschleicht der Gedanke, dass es die einzelnen speziellen Jahre im Leben sind, in denen sich Brüche ereignen, sich alles zusammenballt und entweder ein Zerstören, ein Zusammenbruch stattfindet oder das große Wunder eines Entstehens passiert. Denn es gibt diese Jahre, die einschneidender sind als andere. Man kann sie so zählen, wie man früher mit Strichen oder Kerben am Türrahmen das Größerwerden gezählt hat. Diese Jahre sind Narben im Leben. Und erst eine gewisse Anzahl an solchen Narben bewirkt das Gefühl des Langlebens. Und mit manchen Menschen verbindet einen eine Synchronizität der Jahre oder auch nur eines Jahres. Das Jahr, in dem das Leben einen gewaltigen Sprung machte oder abstürzte.

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Und während ich durch Dunkelheit und Regen zu meinem Vater gehe, frage ich mich, wie ich mich dann wohl erst in 20 oder 30 Jahren fühle. Ab einem bestimmten Punkt vor dem Ende seines Lebens - dieser Punkt kann lange vor dem Tod oder kurz davor sein - beginnt ein Mensch, weniger zu werden. Aber in welcher Art er weniger wird, das ist bei jedem anders. Meine Mutter wurde lediglich körperlich weniger: Gewicht, Sprache, Bewegung. Aber in ihrer Art, in ihrem Charakter blieb sie bis zum Schluss sie selbst. Mein Vater jedoch wurde und wird immer weniger er selbst.

Advent

Zum ersten Mal allein in dem großen Haus, auf dem Grundstück. Wir halten auf dem Weg dorthin in der Dorfmitte an. Die Schreie von herumalbernden Teenagern verstärken die Stille nur noch. Später auf einem Spaziergang sind wir selbst die einzigen, die die Ruhe der Felder stören. Das Rascheln von Jacken und das Aufstapfen von Schuhen bedeuten an diesem Ort Krach. Man ist wirklich da. In Berlin auf der Straße verschwindet man in den Geräuschen, wenn man nicht laut ruft.

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Möhren reiben, gekochte Kartoffeln reiben, eine Schale Legemehl dazu. "Niemand sonst füttert Hühner so wie wir. Aber hier wurden die Hühner schon immer so und nicht anders gefüttert", sagt mein Cousin. Luxus-Hühner, die sich, auch wenn sie etwas pikiert gucken, streicheln lassen. Luxus-Hühner, die mich aufgebracht angackern, als am Morgen Schnee im Garten liegt. Lieber bleiben sie drin. 12 Eier an einem Wochenende.

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Ein Pellet-Ofen in der Küche, ein Kamin im Wohnzimmer: Ständig darf ich Holz nachlegen, Holz holen, Holz nachlegen. Was für ein großes Glück. Auf dem Küchenofen brodelt später ein Gulasch vom diesjährigen Bullen, der nun in Portionen geschnitten in der randvollen Tiefkühltruhe wohnt und mit jedem Mahl geehrt wird. Der Kreislauf hier aus Tieren, Menschen und Garten gestattet es außerdem, dass nichts umkommt, ohne dass man selbst unter Zwang stünde, immer alles aufessen oder sich anderweitig begrenzen zu müssen. Eine Art von Perfektion, die mich mit demselben Hochgefühl erfüllt wie ein guter philosophischer Beweis.

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Wir gehen im Dorf Glühwein trinken. Augenwinkel überlegen, wer wir wohl sind. Schmalzgebäck auf Sachsen-Anhaltinisch.

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Unser neues Wohnzimmer unterm Dach misst 9 x 5 Quadratmeter. Zuerst Vollmond, dann Schnee.

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Was dieser Ort, die anders gearteten Tätigkeiten, der stete Wechsel zwischen draußen und drinnen mit mir tun, merke ich, als mir nach vielen Stunden Facebook wieder einfällt. Der Gedanke, mal nachzusehen, kommt und geht auch schon wieder, in einer einzigen Bewegung. Die äußere Ruhe wird zur inneren. Und das, was man jetzt gerade tut, reicht einem hin.

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Der alte Hund kann zwar nicht mehr so springen, aber die den Hunden eigene überschäumende Freude zeigt sich trotzdem in jeder Bewegung, im freudigen Winseln, im dankbaren Blick. Es ist schwer, in Gegenwart eines Hundes, der einem wohlgesinnt ist, melancholisch zu sein. Ja, wir gehen spazieren. Und so gehen wir durch weiße Schneestille, die nun noch tiefgreifender ist als am Vortag. Ich mit Kapuze im Gesicht gegen den Schneefall folgen wir einer anderen Mensch-Hund-Spur. Sonst nichts. Die Fotos werden ganz ohne Filter schwarzweiß. Sogar der Raubvogel, der in Zeitlupe von einem nahen Baum abhebt und das Wunder seines langsamen Fluges vorführt, ist Schwarzweiß. Der alte Hund und ich, wir schauen uns einen Moment an, dann geht jeder weiter in seiner Spur und seiner eigenen Welt.

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Anfang

Das innere Leben eines Menschen, das Reifen und Wachsen von Gefühlen oder Entschlüssen, vollzieht sich ganz ähnlich dem äußeren oder organischen Verändern. Es geht langsam und allmählich ab, doch dann kommt der Punkt, da bemerkt man die neue Falte oder das graue Haar ganz plötzlich, als ob sie über Nacht gekommen wären. Im positiven Sinne der inneren Entscheidungsfindung gelangt man nach einem langen, fast unbemerkten Reifeprozess zum "kairós", dem Zeitpunkt, an dem es soweit ist.

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Und so kam es, dass wir im Sommer mit meinem eher wortkargen Onkel im Kartoffelfeld auf schwerer, sehr dunkler Erde standen, er den Spaten mit einem Ruck in den Boden stieß und dabei sagte: "Dann packen wir es an!".

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Gestern lagen die Schlüssel zum Haus, wo wir unterm Dach eine geräumige und gemütliche Wohnung haben werden, in meinem Berliner Briefkasten. In Gedanken habe ich alles schon eingerichtet und dreimal umgeräumt. Auch der kleine gußeiserne Ofen, den es noch gar nicht gibt, ist in meinem innerlichen Leben schon da. In Wirklichkeit schon da sind allerdings einige Hektar Garten und Hof, alles gepflegt und mit viel bisher ungenutztem Platz, an dem ab nächstes Jahr dann unsere Ideen sprießen können. Zwei Städter, die noch nie einen Zelturlaub gemacht haben.

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Wikipedia:

"Ein Vierseithof ist die Bezeichnung für eine Hofform, bei der der landwirtschaftliche Wirtschaftshof von allen vier Seiten von Gebäuden umschlossen ist, in der Regel also vom Wohnhaus, dem (regional unterschiedlich bezeichneten) Stadel oder der Scheune, dem Getreidekasten, Kornhaus, Kornspeicher oder Getreidespeicher und dem Stall."

"In der Magdeburger Börde überwiegen verputzte Ziegelbauten, die nicht selten und für das ehemalige Preußen typisch mit klassizistischen Stuckverzierungen, wie man sie sonst von Stadthäusern des 19. Jahrhunderts kennt, versehen sind. Die Nebengebäude haben zumeist unverputztes Ziegelmauerwerk, Fachwerk oder Holzlattung."

Denkmalschutz.

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Es geht nicht darum, den Alltag hinter sich zu lassen. Alltag ist nichts Schlimmes, Alltag ist das, was einen durch den Großteil des Jahres bringt, einen gerade rückt, wenn Ereignisse einen ins Strudeln kommen lassen. Er bringt Stabilität. Wenn man nach einem herrlichen, rauschhaften Abend am nächsten Morgen in ein schwarzes Loch zu fallen droht, ist Alltag das, was einen auffängt. Er sagt: einfach weitermachen. Nein, es geht nicht darum, keinen Alltag mehr zu haben, sondern einen ganz neuen anderen Alltag zu beginnen.

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