Reden

Haben wir acht Matratzen oder sieben? Hast du das Gästezimmer schon mitgezählt? Wir müssen auch irgendwo schlafen! Was ist eigentlich mit Bettzeug? Bekommen wir ein Zelt vom Wasserskiverein? Wir können in unserm Bus übernachten. Aber nur, wen wir den nicht nachts als Shuttle zum Hotel nehmen. Wollt ihr wirklich in die Scheune? Brauchen wir für draußen noch einen Kühlschrank? Die Wurst hole ich von Gröninger. Aber nicht das Fleisch. Das ist besser bei dem andern.

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Kennst du irgendeinen, der für uns grillen würde? Für die Cocktails versuchen wir, Svenja aus unserer Bar zu bekommen. Irgendwo hatten wir doch noch eine Lampenkette. Und was ist mit einem Klo? Wir sollten besser ein Dixi-Klo aufstellen. Oder zwei? Die haben ein sehr kleines Kind, die sollten besser hier im Haus schlafen. Die Hühner müssen an dem Tag im Stall bleiben. Wenn wir eine Hüpfburg im Garten aufstellen, dann zieht das die Feier so auseinander. Eine HÜPFBURG?!? Wie viele Tage im Voraus muss man denn beim Bäcker solche Mengen an Brötchen und Brot vorbestellen?

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Wir müssen auch Gläser liefern lassen! Das Kaffe-und-Kuchen-Thema übernehme ich. Ich schlafe einfach auf der Isomatte. Was ist denn, wenn es regnet? Den Wein müssen wir aber woanders bestellen. Und wo übernachtet Tante Barbara? Wir brauchen unbedingt noch was Vegetarisches auf dem Grill. Macht der Fleischer auch die Salate? Am Tollsten wäre ja noch eine Nebelmaschine. Tischdecken müssen wir nicht bestellen. Die Leute, die zelten, können da hinten an der Straße parken. Hoffentlich kommt kein Huhn zu Schaden. Ach, das wird bestimmt schön.

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Vorwärts

Meine Zählung für dieses Jahr endet im September. Da beginnt mein neues Jahr. Oder auch Jahrzehnt. Oder auch Zeitalter. Das Jahr null. Ab da wird es v. U. (vor Umzug) und n. U. (nach Umzug) heißen. Und weil darum dieses Jahr nur neun Monate hat, beginnt für mich jetzt schon das, was man sonst so ab Mai erlebt: Die Wochen vergehen immer schneller und schneller. Das Jahreskarussell fährt langsam und stockend an, bekommt Geschwindigkeit, rast, ein kurzes Wusch, und schon ist alles wieder vorbei.

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Es gibt sehr viel zu tun.

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Und doch saßen wir, die Frau meines Cousins - Freundin, Unterstützerin, Komplizin - und ich gerade noch in der Bar, an einem dieser Abende, die dahinzuschweben und nicht zu enden scheinen. Um uns herum tobte eine Geburtstagsfeier. Alle Gäste glitzerten in mit goldenen Pailletten besetzter Kleidung vor sich hin. Laute Musik, laute Gespräche, die Drinks wurden mit jedem weiteren besser und über uns prangte eine große goldene 2018. Genau.

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Und nun stehe ich auf Abdeckfolie, in farbüberkleckster Kleidung schwer atmend in meinem kleinen Flur in Berlin. Der Teleskopstiel ist gerade auseinandergebrochen. Es ist schon Nachmittag und an drei Wänden fehlt immer noch die neue weiße Farbe. Ich fluche und bin glücklich zugleich. Der Plan ist, alle Zimmer vor dem Umzug selbst zu streichen und vor dem Streichen noch zu entrümpeln. Ein geradezu hybrischer Plan.

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An unserem neuen Wohnort wird im Sommer auf dem Hof und in der Scheune ein Fest stattfinden, von uns gegeben zur Feier einer vergangenen Hochzeit. 50 bis 80 Menschen werden kommen. Kaffee, Kuchen, Grillen, Getränke, Musik, Hüpfburg. Ein geradezu hybrischer Plan.

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Aufnehmen

Man braucht überhaupt nicht darüber zu diskutieren: Es ist möglich, sich nicht nur in Menschen, sondern auch in Gegenstände zu vergucken. Dass diese einem keine Gefühle von ihrer Seite aus schenken können, spielt dafür keine Rolle. Bei Menschen, in die man sich verguckt, ist es ja auch manchmal so. Und außerdem kommt es einem bei manchen Gegenständen eben doch so vor, als gäben sie einem etwas zurück.

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Über Nacht wusste ich, es musste analog sein, auch wenn ich nichts vom Fotografieren verstehe. Und es musste eine Nikon sein. Ich habe mein Leben lang nur Canon benutzt. 

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Ein Film pro Woche. Zwischendurch erfasst mich die Sorge, dass es einfach nur Nostalgie oder die unbestimmte Sehnsucht nach einer glücklichen Kindheit ist, aber die Ergebnisse geben mir dennoch recht. Ich fotografiere auf einmal klarer, im wahrsten Sinne des Wortes fokussierter. Ich brauche lange für jedes einzelne Bild: Verschlusszeit, Blende, Verschlusszeit, Scharfstellen, den Ausschnitt aus der Realität suchen. Die Unruhe, was jemand denken könnte, wenn ich mitten im Bahnhof Dinge fotografiere, ist verschwunden. Ich versinke einfach in den Tätigkeiten.

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Ich liebe das Geräusch des Filmtransporthebels. Er setzt den Anfang fest, er leitet die Konzentration ein. Am Ende dann das kurze metallische Klicken des Auslösers. Schon sein Geräusch macht deutlich, dass man sich jetzt erholen kann. Das Wichtige ist schon passiert, man hat seine Arbeit schon getan. Der letzte Schritt ist nun leicht. Klack. An meiner digitalen Spiegelreflex bekommt der Auslöser das Gewicht. Er fühlt sich schon schwer an. Der auslösende Finger ist angespannt, denn der Druck darf nicht zu leicht sein, nicht zu schwer, man darf nicht zu langsam sein, aber auch nicht zu schnell. In diesem Knopf steckt alles. Jetzt dagegen: Leichtigkeit.

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Und überhaupt: Vorfreude auf jeden einzelnen Film.

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Zwischenspiel

Wie kommt es, dass das Leben - im Sinne der verbrachten Lebenszeit - sich dann mit einem Mal schon so lang anfühlen kann und Erinnerungen an die Schulzeit oder die anfängliche Studienzeit so weit weg, fast als gehörten sie zu einem anderen Menschen, aber nicht zu mir? Die rein auf Erden verbrachten Jahre können es nicht sein, denn noch bis vor wenigen Jahren oder sogar Monaten ging es mir keineswegs so, dass sich die Rückschau wie eine ewig lange Reise anfühlt. Das Gefühl des Älterwerdens muss demnach an etwas anderem hängen und mich beschleicht der Gedanke, dass es die einzelnen speziellen Jahre im Leben sind, in denen sich Brüche ereignen, sich alles zusammenballt und entweder ein Zerstören, ein Zusammenbruch stattfindet oder das große Wunder eines Entstehens passiert. Denn es gibt diese Jahre, die einschneidender sind als andere. Man kann sie so zählen, wie man früher mit Strichen oder Kerben am Türrahmen das Größerwerden gezählt hat. Diese Jahre sind Narben im Leben. Und erst eine gewisse Anzahl an solchen Narben bewirkt das Gefühl des Langlebens. Und mit manchen Menschen verbindet einen eine Synchronizität der Jahre oder auch nur eines Jahres. Das Jahr, in dem das Leben einen gewaltigen Sprung machte oder abstürzte.

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Und während ich durch Dunkelheit und Regen zu meinem Vater gehe, frage ich mich, wie ich mich dann wohl erst in 20 oder 30 Jahren fühle. Ab einem bestimmten Punkt vor dem Ende seines Lebens - dieser Punkt kann lange vor dem Tod oder kurz davor sein - beginnt ein Mensch, weniger zu werden. Aber in welcher Art er weniger wird, das ist bei jedem anders. Meine Mutter wurde lediglich körperlich weniger: Gewicht, Sprache, Bewegung. Aber in ihrer Art, in ihrem Charakter blieb sie bis zum Schluss sie selbst. Mein Vater jedoch wurde und wird immer weniger er selbst.

Advent

Zum ersten Mal allein in dem großen Haus, auf dem Grundstück. Wir halten auf dem Weg dorthin in der Dorfmitte an. Die Schreie von herumalbernden Teenagern verstärken die Stille nur noch. Später auf einem Spaziergang sind wir selbst die einzigen, die die Ruhe der Felder stören. Das Rascheln von Jacken und das Aufstapfen von Schuhen bedeuten an diesem Ort Krach. Man ist wirklich da. In Berlin auf der Straße verschwindet man in den Geräuschen, wenn man nicht laut ruft.

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Möhren reiben, gekochte Kartoffeln reiben, eine Schale Legemehl dazu. "Niemand sonst füttert Hühner so wie wir. Aber hier wurden die Hühner schon immer so und nicht anders gefüttert", sagt mein Cousin. Luxus-Hühner, die sich, auch wenn sie etwas pikiert gucken, streicheln lassen. Luxus-Hühner, die mich aufgebracht angackern, als am Morgen Schnee im Garten liegt. Lieber bleiben sie drin. 12 Eier an einem Wochenende.

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Ein Pellet-Ofen in der Küche, ein Kamin im Wohnzimmer: Ständig darf ich Holz nachlegen, Holz holen, Holz nachlegen. Was für ein großes Glück. Auf dem Küchenofen brodelt später ein Gulasch vom diesjährigen Bullen, der nun in Portionen geschnitten in der randvollen Tiefkühltruhe wohnt und mit jedem Mahl geehrt wird. Der Kreislauf hier aus Tieren, Menschen und Garten gestattet es außerdem, dass nichts umkommt, ohne dass man selbst unter Zwang stünde, immer alles aufessen oder sich anderweitig begrenzen zu müssen. Eine Art von Perfektion, die mich mit demselben Hochgefühl erfüllt wie ein guter philosophischer Beweis.

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Wir gehen im Dorf Glühwein trinken. Augenwinkel überlegen, wer wir wohl sind. Schmalzgebäck auf Sachsen-Anhaltinisch.

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Unser neues Wohnzimmer unterm Dach misst 9 x 5 Quadratmeter. Zuerst Vollmond, dann Schnee.

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Was dieser Ort, die anders gearteten Tätigkeiten, der stete Wechsel zwischen draußen und drinnen mit mir tun, merke ich, als mir nach vielen Stunden Facebook wieder einfällt. Der Gedanke, mal nachzusehen, kommt und geht auch schon wieder, in einer einzigen Bewegung. Die äußere Ruhe wird zur inneren. Und das, was man jetzt gerade tut, reicht einem hin.

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Der alte Hund kann zwar nicht mehr so springen, aber die den Hunden eigene überschäumende Freude zeigt sich trotzdem in jeder Bewegung, im freudigen Winseln, im dankbaren Blick. Es ist schwer, in Gegenwart eines Hundes, der einem wohlgesinnt ist, melancholisch zu sein. Ja, wir gehen spazieren. Und so gehen wir durch weiße Schneestille, die nun noch tiefgreifender ist als am Vortag. Ich mit Kapuze im Gesicht gegen den Schneefall folgen wir einer anderen Mensch-Hund-Spur. Sonst nichts. Die Fotos werden ganz ohne Filter schwarzweiß. Sogar der Raubvogel, der in Zeitlupe von einem nahen Baum abhebt und das Wunder seines langsamen Fluges vorführt, ist Schwarzweiß. Der alte Hund und ich, wir schauen uns einen Moment an, dann geht jeder weiter in seiner Spur und seiner eigenen Welt.

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Anfang

Das innere Leben eines Menschen, das Reifen und Wachsen von Gefühlen oder Entschlüssen, vollzieht sich ganz ähnlich dem äußeren oder organischen Verändern. Es geht langsam und allmählich ab, doch dann kommt der Punkt, da bemerkt man die neue Falte oder das graue Haar ganz plötzlich, als ob sie über Nacht gekommen wären. Im positiven Sinne der inneren Entscheidungsfindung gelangt man nach einem langen, fast unbemerkten Reifeprozess zum "kairós", dem Zeitpunkt, an dem es soweit ist.

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Und so kam es, dass wir im Sommer mit meinem eher wortkargen Onkel im Kartoffelfeld auf schwerer, sehr dunkler Erde standen, er den Spaten mit einem Ruck in den Boden stieß und dabei sagte: "Dann packen wir es an!".

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Gestern lagen die Schlüssel zum Haus, wo wir unterm Dach eine geräumige und gemütliche Wohnung haben werden, in meinem Berliner Briefkasten. In Gedanken habe ich alles schon eingerichtet und dreimal umgeräumt. Auch der kleine gußeiserne Ofen, den es noch gar nicht gibt, ist in meinem innerlichen Leben schon da. In Wirklichkeit schon da sind allerdings einige Hektar Garten und Hof, alles gepflegt und mit viel bisher ungenutztem Platz, an dem ab nächstes Jahr dann unsere Ideen sprießen können. Zwei Städter, die noch nie einen Zelturlaub gemacht haben.

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Wikipedia:

"Ein Vierseithof ist die Bezeichnung für eine Hofform, bei der der landwirtschaftliche Wirtschaftshof von allen vier Seiten von Gebäuden umschlossen ist, in der Regel also vom Wohnhaus, dem (regional unterschiedlich bezeichneten) Stadel oder der Scheune, dem Getreidekasten, Kornhaus, Kornspeicher oder Getreidespeicher und dem Stall."

"In der Magdeburger Börde überwiegen verputzte Ziegelbauten, die nicht selten und für das ehemalige Preußen typisch mit klassizistischen Stuckverzierungen, wie man sie sonst von Stadthäusern des 19. Jahrhunderts kennt, versehen sind. Die Nebengebäude haben zumeist unverputztes Ziegelmauerwerk, Fachwerk oder Holzlattung."

Denkmalschutz.

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Es geht nicht darum, den Alltag hinter sich zu lassen. Alltag ist nichts Schlimmes, Alltag ist das, was einen durch den Großteil des Jahres bringt, einen gerade rückt, wenn Ereignisse einen ins Strudeln kommen lassen. Er bringt Stabilität. Wenn man nach einem herrlichen, rauschhaften Abend am nächsten Morgen in ein schwarzes Loch zu fallen droht, ist Alltag das, was einen auffängt. Er sagt: einfach weitermachen. Nein, es geht nicht darum, keinen Alltag mehr zu haben, sondern einen ganz neuen anderen Alltag zu beginnen.

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